Das Ding Minimalismus

Ja, ich gebe es zu: der Minimalismus-Trend hat auch mich erfasst. Wenn ich ehrlich bin, schon eine Weile, bereits im frühen Herbst 2015. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich damals mehr Zeit als Verstand hatte und vage unzufrieden war mit dem Zustand meines Kleiderschranks. Durch eine Erkältung aufs Sofa verbannt stolperte ich über das Buch „The life-changing magic of tidying up“ der Japanerin Marie Kondo, die darin nicht nur ein rigoroses System des Aussortierens empfahl, sondern dazu noch versicherte, dass mit ihrer Arbeitsweise Rückfälle in alte Kauf- und Sammelmuster ausgeschlossen seien. Die darauf basierende KonMari-Methode wurde zu einem Internet-Trend, dessen Genderstrukturen nicht zu übersehen waren: Frauen dokumentieren stolz den Prozess des Aussortierens per Video, inklusive Vorher- und Nachherbilder der Kleiderschränke. Ungezählte Youtube-Videos später stapelte sich auch der Inhalt meines Kleiderschranks auf dem Bett. Kleider, Jeans, T-Shirts wie Socken wurden nach ihrer Fähigkeit befragt, mir Freude zu bereiten, und bald wanderten drei große Säcke aussortierter Kleidung… in den Keller. Ich würde jetzt gerne sagen, dass die aussortierte Kleidung sozialen Projekten zugute kam, kann ich aber nicht. Nachdem eine erste Recherche gezeigt hatte, dass die örtliche Flüchtlingshilfe überlaufen war, übernahmen alte Muster die Kontrolle. Ein Jahr später entsorgte ich die Säcke unbesehen in die nächste Altkleidertonne eines kommerziellen Trägers.

Meine eigene KonMari-Geschichte zeigt für mich sowohl die Attraktivität wie auch die Probleme des Minimalismus-Trends: Mehr Platz im Schrank, aber auch mehr Geld auf dem Konto, da mir während des Aussortierens bewusst geworden war, wie viele Kleidungsstücke ich besaß, die ich gerne mochte und viel zu selten trug. Die Schattenseiten sind auch schon an anderer Stelle diskutiert worden, besonders wie sehr die neue Obsession des Aussortierens und Streamlinens ein Privileg der Mittelklasse ist. Allerdings sehe ich ein weiteres Problem im Trend zum Minimalismus: Das rigorose Aussortieren und das danach zelebrierte Zurschaustellen eines deutlich weniger gefüllten, perfekt organisierten Kleiderschranks beruht letzten Endes auf denselben Mechanismen wie ein kurzer Einkauf in der Mittagspause bei H&M: Zwar ist der Schrank nach einer ausgedehnten KonMari-Session übersichtlicher, aber das Prinzip des Konsums ist dadurch nicht ausgehebelt worden. Denn nun wird gerade das Aussortieren das neue Konsumieren. War bis dahin das Ensemble der gekauften Dinge das Statussymbol, ist es jetzt gerade der gerne in den sozialen Medien dokumentierte Verzicht die neue Art des standesbewussten Konsums. Dass der neue Trend zum Minimalismus sich vor allem auf Kleidung bezieht, überrascht mich dabei wenig. Denn gerade nach dem medienwirksamen Zusammensturz des Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013 wurde das Fast-Fashion-Modell vieler Modemarken und die damit einhergehenden Konsumstrukturen diskreditiert. Verzicht wird auf diese Weise zum ethischen Lifestyle, Minimalismus zum neuen Accessoire des Trend-Nomaden.

Versteht mich nicht falsch: Auch ich erkenne die Schönheit des Prinzips Minimalismus an, auch ich habe seit dem großen Aussortieren weniger und bewusster gekauft, auch ich bin damit dem Prinzip eines ethischen Konsums einen großen Schritt näher gekommen. Ich traue mir jedoch selbst nicht immer über den Weg. Mir ist klar, dass auch diese, möglicherweise vom Lifestyle getragenen Schritte in die richtige Richtung gehen. Aber: Was ist, wenn der Trend sich ändert? Werde ich dann meine neuen, bewussteren Konsumgewohnheiten über den Haufen werfen? Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass die Hinwendung zum bewussten Konsum, meinem bewussten Konsum, nicht dasselbe Schicksal ereilt wie die Kleidungsstücke, die ich in den Keller verbannt habe: voll guter Vorsätze, doch zu bequem in der Durchführung und damit letztendlich zu kurz gegriffen.

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One Comment

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  1. Sehr schöne Conclusio – stilistisch wie inhaltlich!
    Ich assoziiere Minimalismus irgendwie gar nicht so sehr mit Konsum von Kleidung (was vielleicht daran liegt, dass ich die meisten Teile trage, bis sie zerfallen und nicht so zu Spontankäufen neige). Dafür denke ich bei Minimalismus an sorgfältigst kuratierte Wohnungen, die nicht vollgestellt sind und dafür aber sehr betonte Akzente setzen – eine Wand mit Bildern, nur eine, dafür aber Petersburger Hängung! Und wenn Stücke nicht zusammenpassen, dann auf eine zusammenpassende Art des Nicht-Zusammenpassens! Diese zur Schau gestellte Verknüpfung von Minimalismus und Ästhetik strengt mich total an. Wohin stellen die alle denn z.B. ihren Staubsauger unter? Oder den Wäscheständer? Dass man es sich leisten kann, nur mit Statement Pieces zu möblieren oder ne gut versteckte Abstellkammer für den Haushaltskram zu haben, die man selbstverständlich auch nie für Instagram fotografiert, ist letztlich auch wieder so ne Statusgeschichte. Wir folgen dem Trend, weil wir’s können. Und natürlich ist es ein Zurschaustellen der von dir angesprochenen Selbstoptimierung: seht her, wie aufgeräumt, wie kontrolliert, wie bewusst das alles.

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