Minimalismus, die Finanzkrise und der amerikanische Traum

Minimalismus und ich – das mich das Thema beschäftigt, hatte ich schon erwähnt; auch, dass ich es vor allem für ein Thema der Mittelklasse halte. Inzwischen würde ich meine Meinung modifizieren: ich halte es für ein Thema der amerikanischen Mittelklasse. Das verstehe ich nicht als Vorwurf oder als Anti-Amerikanismus, der aus der Warte eines Mitteleuropäers moralisch überlegen auf die ach so konsumorientierten Amerikaner herabblickt. Vielmehr interessiert mich, wo der Gedanke des Minimalismus herkommt und warum er in den letzten Jahren besonders von Amerikanern so viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien erhalten hat.

Gestern bin ich durch Zufall bei Netflix über die Dokumentation „Minimalism: A documentary about the important things“ gestolpert, die seit dem 1. April global abrufbar ist. Sie folgt den Machern der Seite The Minimalists, Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, auf ihrer Lesereise im Jahr 2014. Ergänzend wurden von Regisseur Matt D’Avella Wissenschaftler oder andere Aktivisten für ein reduzierteres und bewusstes Leben interviewt, neben Graham Hill, dem Designer minimalistischer Häuser der Firma Life Edited, auch Courtney Carver, Gründerin des Project 333.

Auffallend war vor allem der predigende Grundton der Dokumentation. Millburn und Nicodemus verkaufen ihren Minimalismus als spirituelle Erfahrung, die eine vom Konsum verursachte innere Leere fülle und eine Neuordnung ihres Wertesystems zur Folge gehabt habe. Das kann natürlich an dem persönlichen Stil der „Minimalists“ gelegen haben, die ihre Botschaft des freien Lebens abseits des konsumorientierten amerikanischen Traums verfolgen. Zunehmend denke ich aber, dass der moralisierende Unterton häufig untrennbar mit Minimalismus verbunden ist, und das die Ursachen dafür zum einen in der Vorstellung des „amerikanischen Traums“, zum anderen in der Finanzkrise zu finden ist.

Minimalismus à la Millburn, Nicodemus oder Carver wird in der Dokumentation als spirituelle Erfahrung präsentiert: Für sie steht übermäßiger Konsum im Herzen der amerikanischen Alltagskultur und bildet den Kern des ständigen Strebens nach mehr Geld, mehr Dingen, mehr Ansehen. Ein Lebensinhalt, der schon früh kulturell vermittelt werde. Konsum wird auf diese Weise von den Machern und Beteiligten der Dokumentation zu einer Art Religion stilisiert, die als grundlegender Faktor des durchschnittlichen amerikanischen Lebens gesehen wird. Schaut man sich die Zahlen an, die in der Dokumentation präsentiert werden, mag zumindest das Letztere stimmen: D’Avella verzeichnet ein rapides Ansteigen des Privatkonsums amerikanischer Haushalte seit den 1980er Jahren, der in den 1990er Jahren noch einmal verschärft worden sei. Ihre bewusste Auseinandersetzung mit ihrem Kaufverhalten wird für Millburn und Nikodemus damit zu einer Zurückweisung des amerikanischen Traums. Damit stehen sie jedoch nicht allein: ihre Geschichte findet sich in Variationen in vielen Biographien selbsternannter Minimalisten.

Der unausgesprochene Hintergrund vieler dieser Konversionen vom konsumorientierten Saulus zum minimalistischen Paulus ist die amerikanische Finanzkrise. Die ersten Blogs und Projekte erlangten in den USA um das Jahr 2007 Aufmerksamkeit – dem Jahr der Subprime-Krise, die die weltweite Finanzkrise auslöste. Im Herz der Krise stand die Tatsache, dass viele Amerikaner faktisch über ihren Verhältnissen gelebt hatten. Die Existenz der subprimes an sich ist Beleg dafür: dieser besondere Hypothekentypus betraf die Immoblienkäufer, die keine Sicherheiten für den normalen Immoblienkredit (prime) verfügten, sondern einen teureren erworben, für den eben wenig Sicherheiten benötigt wurden (subprime). Dieser schlug jedoch nach einer kurzen Phase niedriger Kosten mit deutlich erhöhten Zinsen zu Buche. Für den Konsumenten lag daher im Kern der Finanzkrise nicht nur der gewissenlose Banker, der den Kredit verkaufte, sondern auch der Konsument, der über seinen Verhältnisse lebte.

Minimalismus als spirituelle Antwort auf einen sinnentleerten Kapitalismus – es verwundert daher nicht, dass die meisten begeisterten Minimalisten vor ihrer Konversion im Herzen des durch die Finanzkrise delegitimierten kapitalistischen Systems gearbeitet haben, sei es nun in Werbung wie Carver vom Project 333 oder im Verkauf wie Nicodemus. Minimalismus wird auf diese Weise zu einer Aufarbeitung der Erfahrungen der Finanzkrise, die direkt auf das Aufstiegs- und Konsumversprechen des amerikanischen Traums gezielt hat. Das Schöne dabei: die meisten der im Web auffindbaren Minimalisten bleiben dabei weiterhin Kinder der individualistischen, konsumorientierten 1990er. Dazu aber später mehr.

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